Das Projekt

Die Neue Schubert-Ausgabe will einen Text bieten, der Wissenschaft und Praxis zugleich dienen soll. Im Vordergrund steht dabei das Bestreben, diesen Text auf der Basis eines Vergleichs aller erreichbarer Quellen zu erarbeiten, darüber hinaus das von Schubert Gemeinte deutlich zu machen, soweit sich dies aus den Quellen erschließen läßt, und zugleich die "Spiel-Regeln", mithin verlorene Selbstverständlichkeiten seiner Zeit, dem heutigen Spieler einsichtig und anwendbar zu machen.

Schuberts Autographe

Zu den meisten Werken haben sich Autographe erhalten. Schuberts scheinbar so klare Notierungsweise ist jedoch vielfach nicht leicht zu deuten: In der Mehrzahl liegen uns nämlich nicht Schuberts Reinschriften, sondern seine ersten Niederschriften vor. Sie zeigen, daß sich die musikalische Gestalt eines Einfalls vielfach erst im Verlauf der Kompositionsarbeit herauskristallisiert hat. Der Herausgeber muß also, will er das von Schubert Gemeinte wiedergeben, vom Ende auf den Anfang schließen. Oft aber schreibt Schubert einen musikalischen Gedanken nur zu Beginn präzise und fällt dann im eiligen weiteren Verlauf der Niederschrift in konventionelle, dem besonderen Werk eventuell nicht mehr adäquate Arten der Bezeichnung zurück. In diesem Fall muß der Herausgeber vom Anfang auf das Ende, also umgekehrt, schließen. Wofür er sich im Einzelfall zu entscheiden hat, kann ihm nur musikalische Analyse und die Erfahrung im Umgang mit Schuberts Manuskripten vermitteln.

Abschriften und Drucke

In den Abschriften und meist auch in den Drucken wird zwar der reine Notentext in der Regel korrekt wiedergegeben, die für die Komposition und ihre Wiedergabe ebenso wichtigen Bögen, Akzente, Artikulationszeichen etc. sind aber oft unpräzise oder gar fehlerhaft dazu gesetzt. Um eine solche verzerrte musikalische Artikulation zurechtzurücken, bedarf es ausführlicher Vergleiche möglichst zahlreicher, verschiedenartiger Quellen. Der Herausgeber muß dabei manchmal ihm lieb gewordene Gewohnheiten überwinden: Die eigene Vorstellung eines bestimmten Werkes ist ja in der Regel von derartigen Verzerrungen mitgeprägt, weil die gebräuchlichen Ausgaben fast alle mehr oder weniger unmittelbar auf Erstausgaben zurückgehen.

Varianten und Fassungen

Von Schuberts Kompositionen, insbesondere von seinen Liedern und Tänzen, sind häufig mehrere, mitunter stark differierende Fassungen überliefert, teils in verschiedenen Autographen, teils in Abschriften. Diese Varianten sind entweder Resultat einer Revision durch den Komponisten (bei Werken der Instrumentalmusik in Stimmabschriften auch einer Präzisierung) oder (bei Liedern) einer Bearbeitung für einen bestimmten Sänger. Im einen Falle spiegeln sie die Entstehungsgeschichte eines Werkes und Schuberts kompositorische Arbeit, im anderen Möglichkeiten der Ausführung und der Adaption, die zu Schuberts Zeit etwa noch üblich waren. Die Neue Schubert-Ausgabe bietet die Möglichkeit, verschiedene Fassungen ein und desselben Werkes miteinander zu vergleichen. Derartige Varianten werden je nach Bedeutung und Umfang als Alternative zum Haupttext wiedergegeben, in Fußnoten erwähnt oder, wenn sie gewichtig genug sind, vollständig abgedruckt. Von einzelnen, besonders bekannten Kompositionen wie Erlkönig (D 328) und Die Forelle (D 550) werden mehrere Fassungen abgedruckt, die sich vor allem im Detail unterscheiden – im Sinne eines Modells für die Praxis. Um dem heutigen Interpreten die Möglichkeit zu geben, Veränderungen und Verzierungen, die zu Schuberts Zeit üblich waren, zu studieren und sie für seinen Vortrag zu erproben, werden verzierte Fassungen und für den Vortrag eingerichtete Kompositionen in den Anhang der Notenbände aufgenommen, sofern sie aus Schuberts Umkreis stammen und von Schubert – zumindest mutmaßlich – autorisiert sind.

Gliederung

Die Neue Schubert-Ausgabe ist nach Gattungen gegliedert und innerhalb der Gattungen in der Regel chronologisch geordnet. Eine Ausnahme hiervon machen die Lieder. Hier werden die zu Schuberts Lebzeiten erschienenen Opera, das heißt etwa ein Drittel aller seiner Lieder, zum erstenmal seit den Erstausgaben wieder in der Anordnung wiedergegeben, die der Komponist selbst gewählt hat. Denn entgegen einer verbreiteten Ansicht sind diese Opera nicht willkürlich, sondern nach klar erkennbaren Prinzipien zusammengestellt. Siehe dazu die Ausführungen von Walther Dürr: Die Lieder-Serie der Neuen Schubert-Ausgabe. Zu Schuberts Ordnung eigener Lieder, in: Musica 40 (1986), S. 28–30.

Quellen und Lesarten – Kritische Berichte

Das Konzept einer kritischen Ausgabe, die nicht nur getreu eine Quelle reproduziert, sondern das Gemeinte wiedergibt, erfordert Eingriffe (im Sinne von Verdeutlichungen) des Herausgebers, die sich sehr oft im Notentext nicht kenntlich machen lassen. Es erscheint für eine Ausgabe, die sich auch unmittelbar an die Praxis wendet, unabdingbar, solche Maßnahmen nicht allein im separaten Kritischen Bericht, sondern in einem Anhang Quellen und Lesarten im Notenband selbst aufzuführen und zu begründen. Nur so ist dem Spieler oder Sänger die Möglichkeit gegeben, sich auch anders als der Herausgeber zu entscheiden. Ferner informieren die Quellen und Lesarten über Fragen der Textgenese (Schuberts Korrekturen) und bieten eine kurz gefaßte Quellenbeschreibung. Im Kritischen Bericht findet man Lesarten und Anmerkungen geringeren Gewichts, vor allem aber die ausführliche Handschriftenbeschreibung und Quellenbewertung. Die Kritischen Berichte erscheinen im Verlag der Internationalen Schubert Gesellschaft; eine Bestellung ist über jede Buchhandlung möglich.